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Gegen das Vergessen
Studienfahrt zur Gedenkstätte Auschwitz

7.01.2015

Die Gruppe mit Herrn Krasnokucki

"Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." (George Santayana). Um dieses Erinnern zu unterstützen, fand auch in diesem Jahr, organisiert von der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend Saar in Kooperation mit den UNESCO–Projektschulen, eine Studienfahrt zu der Gedenkstätte Auschwitz statt. Damit erhielten unter anderem drei TWG–Schülerinnen die Möglichkeit, die Orte des Verbrechens, die man sonst nur aus Geschichtsbüchern oder von Fotos kennt, tatsächlich zu erleben.  
 
Beim Vortreffen am 13. September 2014 wurde die schwierige Thematik nicht nur durch Arbeitsblätter, sondern auch durch Vorträge der TeilnehmerInnen und Darstellungen der individuellen Erfahrungen umrissen. Außerdem lernte sich die Gruppe hier auch schon etwas kennen, denn schließlich würde man im November gemeinsam eine ganze Woche weit weg von zuhause verbringen und mit einem Thema konfrontiert werden, das vor allem im Umgang innerhalb der Gruppe ein großes Maß an emotionalem Fingerspitzengefühl fordern würde.  
Obwohl der 14. November am Vorbereitungstreffen noch weit entfernt schien, stand er doch schnell vor der Tür, der Tag der Abreise. Um 18 Uhr fuhr der kleine Reisebus in Dillingen ab und nach einem Stopp in Völklingen und in St. Ingbert machte sich die inzwischen vollständige Gruppe auf den Weg nach Oswiencim. Auf der ca. 16-stündigen Fahrt wurde schon aufgeregt über den bevorstehenden Aufenthalt diskutiert; mit fortschreitender Uhrzeit schalteten jedoch immer mehr das Licht über ihren Sitzen aus und schliefen eine Runde, schließlich stand ja eine anstrengende Woche bevor.  
Um 10 Uhr kam die Gruppe mehr oder weniger ausgeruht in der Jugendbegegnungsstätte in Oswiencim an. Nach der Verteilung in die wirklich gemütlichen, zweistöckigen Zimmer und einem ersten Tischtennismatch auf der hauseigenen Platte erfolgte ein ausgiebiges Mittagessen. In der darauffolgenden Arbeitssequenz wurde der für den nächsten Tag geplante Stadtrundgang thematisch vorbereitet, außerdem erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Einblick in die umfangreiche Bibliothek des Hauses, die tatsächlich alle Bereiche der Thematik abdeckte. Vor dem Schlafengehen erfolgte ein letztes Teamgespräch, bei dem jeder seine Gedanken und Erwartungen im Bezug auf die am nächsten Tag anstehende erste Besichtigung des Stammlagers äußern konnte.  
 
Das Stammlager war von der Jugendbegegnungsstätte nur eine kurze Busfahrt von ca. 8 min entfernt. Bevor der Eingang des Stammlagers erreicht wurde, fuhr man schon ein kleines Stück am Rand des Lagers entlang, sodass die Gruppe einen ersten Eindruck von der Größe des Lagers erhielt. Das Bild einer scheinbar endlos langen Mauer, bestehend aus Tonnen von Ziegelsteinen und hunderten von Metern Stacheldraht, dass sich der Gruppe beim Vorbeifahren am Lagerzaun bot, ist faszinierend, aber auf eine erschreckende Art und Weise. Von einem Guide der Gedenkstätte geführt wurde der Ort erkundet, in dem die zum Arbeiten als "verwendbar" eingestuften Häftlinge untergebracht wurden. Durch das Tor mit der verlogenen Aufschrift "Arbeit macht frei" ging es über den Apellplatz, auf dem die Häftlinge unter Aufsicht eines in einem extra dafür eingerichteten Turm sitzenden SS – Aufsehers teilweise mehrere Stunden in Reih und Glied stehen mussten, zu den Barackenkomplexen, von denen einige zu Ausstellungräumen umfunktioniert worden sind. Die Ausstellungen zeigten verschiedene Bereiche des Lagerlebens, von dem Ablauf der Einlieferung ins Lager über den typischen Tagesablauf bis hin zu den häufigsten Todesursachen. In der wohl ausdrucksstärksten Ausstellung wurden verschiedene Gegenstände ausgestellt, die die Gefangen in der Hoffnung auf ein noch größtenteils selbstbestimmtes Leben mit ins Lager brachten. Eine ganze Wand voller Beinprothesen zeigte, dass die für die "Verwertung" der von den Häftlingen mitgebrachten Sachen zuständigen SS–Aufseher wirklich vor nichts halt machten. Berge über Berge von Haarbürsten, Cremedosen und anderen Haushaltsgegenständen lagen hinter den dicken Glaswänden, Schuhe in allen Größen, eine ganze Vitrine voll mit Kinderschuhen. Im letzten Raum schließlich eine ganze Raumhälfte voll mit Haaren, die sowohl den männlichen als auch den weiblichen Insassen bei der Ankunft geschoren wurden, später verkauft zum Preis von 50 Pfennig pro Kilogramm. Geflochtene Zöpfe von kleinen Mädchen, die abgeschnitten wurden, teilweise noch versehen mit Spangen und Schleifen. Der Anblick dieser Ausstellungsstücke war natürlich erschreckend; für einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch emotional sehr aufreibend, doch man tröstete sich gegenseitig. Als nächstes wurde der sogenannte "Todesblock" (Block 11) besichtigt, das Gebäude, in dem unfolgsame Häftlinge eingeschlossen worden sind, was jedoch häufig den Tod bedeutete. In der letzten Zelle dieses Trakts wurden bis zu 50 Häftlinge auf engstem Raum zusammengepfercht, doch da kein Fenster, sondern lediglich drei kleine Löcher als Luftzufuhr dienten, war es nicht unüblich, dass 24 der 50 Häftlinge die erste Nacht in der Zelle nicht überlebten. Genau die Anzahl der teilnehmenden Schüler und Schülerinnen.  
Als letztes wurde noch die provisorische Gaskammer besichtigt, in der die ersten Vergasungen stattgefunden haben. Der grausame Tod durch inneres Ersticken, den das eigentlich zur Schädlingsbekämpfung gedachte Zyklon B auslöste, wurde noch qualvoller, da zunächst noch ausgetestet werden musste, wie viel von dem Mittel überhaupt von Nöten war, um eine gewisse Anzahl an Menschen zu töten.  
Am Nachmittag fand der selbst organisierte Stadtrundgang mit anschließender Besichtigung der Rekonstruktion der Synagoge statt. Die Gruppe erhielt einen interessanten Einblick in das jüdische Leben in Oswiencim, bevor fast die komplette jüdische Bevölkerung durch die Nationalsozialisten ausgerottet wurde.  
Den täglichen Abschluss bildete jeweils ein Gruppengespräch, in dem sich über die Erlebnisse und Erfahrungen des Tages ausgetauscht wurde. Dabei entstanden oftmals interessante Diskussionen, beispielsweise über die Problematik des Fotografierens innerhalb der Gedenkstätten.  
Die nächste Führung fand im ehemaligen Lager Auschwitz – Birkenau statt. Auch dort von einem Guide der Gedenkstätte begleitet, wurde das riesige Gelände erkundet. Von den ursprünglich gebauten 300 Baracken sind bis heute nur ca. 70 erhalten, die nun besichtigt werden konnten. Während des Vortrages erfuhr die Gruppe viel über das Leben im Lager, die sanitären Umstände und die verschiedenen Arbeiten, die die Häftlinge verrichten mussten. Besonders eindrucksvoll hob sich die Selektionsrampe in der Mitte des Lagers ab. In Viehwagons wurden die Häftlinge bis nach Auschwitz – Birkenau transportiert, fuhren durch das u.a. aus dem Film "Schindlers Liste" bekannte Eingangstor in das Lager herein und strömten schließlich auf die Ausladerampe, wo sie nur durch das Kopfnicken eines SS-Arztes entweder als arbeitsfähig oder als arbeitsunfähig eingestuft wurden. Die als arbeitsfähig eingestuften Häftlinge wurden wie die Insassen im Stammlager geschoren, desinfiziert und bekamen Häftlingskleider zugeteilt, während die Einstufung als „arbeitsunfähig“ (bei kleinen Kindern, Frauen und alten Menschen) den sofortigen Tod durch das Vergasen in einer der fünf Gaskammern bedeutete. Von diesen Gaskammern bzw. Krematorien ist heute kein einziges mehr komplett erhalten; teilweise wurden sie durch Aufstände von jüdischen Häftlingen und teilweise eigenhändig von den Nazis zerstört, die ihre Verbrechen verwischen wollten.  
 
Ebenfalls im Lager Auschwitz – Birkenau befand sich das "Internationale Mahnmal zur Ehre der Opfer von Faschismus und Vernichtung in Auschwitz", das im Jahr 1967 fertiggestellt wurde. Damit auch die Gruppe selber einen aktiven Teil zur Erhaltung der Gedenkstätte beitragen konnte, wurde das Laub auf der neben diesem Denkmal gelegenen Wiese gemeinsam gerecht. Diese praktische Arbeit stellte einen Ausgleich zu den ansonsten eher emotional geprägten Führungen dar, da die Teilnehmer und Teilnehmerinnen tatsächlich mit anpacken konnten. In zwei Arbeitsblöcken wurde fast die gesamte Wiese vom Laub befreit; an dieser Stelle lobten die Betreuerinnen und Betreuer die Gruppendynamik.  
 
Einen weiteren Höhepunkt des Studienaufenthaltes stellte das Zeitzeugengespräch mit Herrn Krasnokucki dar, einem ehemaligen Lagerhäftling. Gebannt hörte die Gruppe den Ausführungen des älteren Herrn zu, der von seinen Aufenthalten in verschiedenen Ghettos, Lagern, und von seiner letztendlichen Flucht erzählte. Für viele besonders ergreifend waren die abschließenden Worte von Herrn Krasnokucki: "Die Zeit heilt alle Wunden…", die er als Antwort auf die Frage gab, wie er heute mit seinen Erlebnissen fertig werde.  
 
Am letzten Tag vor der Abreise fand eine Tagesfahrt in das nahegelegene Krakau statt. Die interessante Stadtführung, bei der auch durchaus themenbezogene Orte erkundet wurden, wie z.B. Kazimierz (das jüdische Viertel) mit der alten Synagoge oder verschiedene Drehorte des Films „Schindlers Liste“ (den sich die Gruppe am Vorabend angesehen hatte), wurde leider etwas durch die eisige Kälte überschattet, sodass sich viele nach der Führung zunächst ein warmes Lokal suchen mussten, um die eingefrorenen Finger wieder langsam auftauen zu lassen. Nach dem Mittagessen, das jeweils eigenständig an einem selbst gewählten Ort eingenommen wurde, hatte die Gruppe noch mehrere Stunden zur freien Verfügung. In Anbetracht der Masse an Plastiktüten und anderen Verpackungen, die später auf der Rückfahrt in die Jugendbegegnungsstätte durch den Bus flogen, haben wohl viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Zeit genutzt, um die örtliche Bekleidungs– und Souvenirwirtschaft mit einer ordentlichen Finanzspritze anzukurbeln.  
Nach einer letzten, eher kurzen Nacht in der Jugendbegegnungsstätte hatte die Gruppe nach dem Frühstück die Möglichkeit, sich von der Gedenkstätte zu verabschieden. Zunächst war ein gemeinsames Abschiednehmen in Auschwitz - Birkenau geplant, doch als bei der Besprechungsrunde am Vorabend klar wurde, dass sich einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer lieber noch ein letztes Mal das Stammlager besuchen wollten, konnte die Busfahrt so angepasst werden, dass individuell entschieden werden konnte, von welcher der beiden Gedenkstätten man sich verabschiedete. Zunächst versammelte sich die komplette Gruppe und nach dem gemeinsamen Sprechen des Vaterunsers und dem Vortragen eines Gedichtes wurden Rosen niedergelegt; im Stammlager vor der sog. "Todeswand", an der tausende von Häftlingen erschossen wurden. Danach hatte jeder die Möglichkeit, noch einige der Ausstellungen zu besuchen und sich individuell zu verabschieden, bevor es mit dem Bus von Auschwitz Birkenau bzw. zu Fuß vom Stammlager aus zurück zur Jugendbegegnungsstätte ging.  
Nach einer letzten Auswertungsrunde und einem finalen Tischtennismatch wurde sich noch von dem wirklich freundlichen Hauspersonal verabschiedet; dann machte sich der Reisebus auf gen Heimat.  
Um 5 Uhr morgens, etwas früher als ursprünglich geplant, kam die Gruppe letztendlich nach einer spannenden, faszinierenden, aber auch erschreckenden und emotional fordernden Woche in Dillingen an. Sowohl Teilnehmerinnen und Teilnehmer als auch Betreuerinnen und Betreuer waren sich sympathisch, doch mit der Aussicht auf ein baldiges Nachtreffen verabschiedete man sich guter Dinge.  
 
Es lässt sich sagen, dass ein Besuch in einer solchen Gedenkstätte eine überaus wertvolle Erfahrung ist, die jeden individuell näher an die Thematik heranbringt. Die Wirkung geht weit über ein bloßes Erinnern heraus; es wird zum Nachdenken angeregt, über die Verbrechen, die an diesen und noch an vielen weiteren Orten begangen wurden, aber auch über das persönliche Fazit, dass man selbst aus diesen Verbrechen ziehen kann. 


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